Folge 62 – Juni 2026
Vor 30 Jahren:
Die deutsche Elf wird Europameister 1996 – Sieg durch Bierhoffs Golden Goal!
Am für die Zeit vom 8. bis zum 30. Juni 1996 terminierten Europameisterschaftsturnier in England nehmen erstmals 16 Mannschaften teil. Das deutsche Team, bei der EM 1992 im Finale Dänemark mit 0:2 unterlegen, hat sich problemlos für das Endturnier qualifiziert und erreicht dort nach zwei Siegen (2:0 gegen Tschechien, 3:0 gegen Russland) und einem glücklichen Remis (0:0 gegen Italien) in den Gruppenspielen das Viertelfinale gegen Kroatien.
Das Viertelfinalspiel in Manchester ist geprägt von übertriebener Härte auf beiden Seiten, letztlich siegen die Deutschen nach Toren von Jürgen Klinsmann (Handelfmeter) und dem „Man of the Match“ Matthias Sammer glücklich mit 2:1, wobei ihnen die gelb-rote Karte gegen den Kroaten Stimac (57. Minute) sicherlich hilft.
Gegner im Londoner Halbfinale sind die englischen Gastgeber. Ihr Stürmer Alan Shearer bringt sie schon in der 3. Minute in Führung. Nach dem Ausgleich durch Stefan Kuntz (16. Minute) fallen keine Tore mehr – weder in der regulären Spielzeit noch in der Verlängerung, weshalb es zum Elfmeterschießen kommt. Die ersten zehn Strafstoßschützen treffen allesamt. Erst Schütze Nummer elf, der Engländer Gareth Southgate, hat Pech. Seinen schlecht platzierten Schuss kann der deutsche Torhüter Andreas Köpke parieren. Bei den Deutschen ist nun Andreas Möller an der Reihe. Er verwandelt seinen Elfmeter sicher und bringt die deutsche Mannschaft damit ins Finale. England steht unter Schock, Spieler und Fans trauern, die landesweite Festtagsstimmung verfliegt schlagartig (sechs Jahre zuvor, beim WM-Halbfinale von 1990, sah es ähnlich aus, damals setzte sich die deutsche Elf ebenfalls im Elfmeterschießen gegen die Engländer durch, seinerzeit mit 4:3).
Beim anderen Halbfinale zwischen Frankreich und Tschechien, bei dem es nach 120 Minuten immer noch 0:0 steht, muss ebenfalls das Penaltyschießen die Entscheidung bringen. Die Tschechen gewinnen mit 6:5. Damit lautet die Endspielpaarung im Londoner Wembleystadion am 30. Juni 1996 Deutschland gegen Tschechien – genau wie 20 Jahre zuvor bei der EM ´76 in Jugoslawien (damals war zum allerersten Mal ein EM-Finale durch Elfmeterschießen entschieden worden, und zwar zugunsten der CSSR, die alle ihre Strafstöße verwandelte, während auf deutscher Seite Uli Hoeneß verschoss).
Anders als beim Gruppenspiel drei Wochen zuvor, als die beiden deutschen Tore schon in der ersten Halbzeit fielen, steht es im Endspiel zur Pause noch 0:0. In der 59. Minute gehen dann die Tschechen in Führung, als Patrik Berger (seinerzeit beim BVB) einen Foulelfmeter verwandelt. Nun versuchen die Deutschen mit allen Mitteln, den Rückstand aufzuholen. Helfen soll dabei die Einwechslung von Stürmer Oliver Bierhoff, die Bundestrainer Berti Vogts in der 69. Minute vornimmt. Und tatsächlich, bereits vier Minuten, nachdem er für Mehmet Scholl ins Spiel gekommen ist, erzielt Italien-Legionär Bierhoff per Kopf den Ausgleichstreffer! Die restlichen 17 Spielminuten bleiben torlos, so dass wieder einmal eine
Verlängerung erforderlich wird. Dass diese lediglich 5 Minuten dauern wird, kann zu dem Zeitpunkt noch keiner ahnen…
Eine neue Turnierregel aber besagt, dass die Mannschaft, die in der Verlängerung das erste Tor erzielt (das sogenannte „Golden Goal“), Sieger ist. Und das glücklichere Team, das an jenem 30. Juni 1996 in der Verlängerung als erstes trifft, ist das deutsche. Torschütze in der 95. Minute ist erneut Oliver Bierhoff, dessen leicht abgefälschten 15-Meter-Linksschuss der tschechische Torhüter Petr Kouba passieren lässt, obwohl er nicht ganz unhaltbar erscheint. Nun brechen bei den deutschen Spielern alle Dämme und der Jubel kennt keine Grenzen. Nach einem solchen, von übergroßem Verletzungspech (u.a. erwischte es Kapitän Jürgen Kohler, Ersatzkapitän Jürgen Klinsmann, Mario Basler und Stefan Reuter) geprägten Turnier als Sieger durchs Ziel zu gehen, stellt eine Top-Leistung dar! Die “Jetzt-erst-recht-Mentalität“ des Teams war wohl der Hauptschlüssel zum Erfolg. Keiner kehrte den Star heraus – auch nicht der anschließend zum besten Spieler der EM und zu Europas
Fußballer des Jahres 1996 gewählte deutsche Libero Matthias Sammer. Bundestrainer Berti Vogts, 1974 als Spieler Weltmeister und 1976 bei der EM-Finalniederlage gegen die CSSR als deutscher Rechtsverteidiger dabei, sagte damals zu Recht: „Die Mannschaft ist der Star“.

Die jubelnde deutsche Mannschaft nach der Pokalübergabe durch Queen Elizabeth an Ersatzkapitän Jürgen Klinsmann, der 1994/95
in England (bei Tottenham Hotspur) gespielt hatte und sogar zum Fußballer des Jahres gewählt geworden war. (Foto: Transfermarkt)
Die Endspiel-Mannschaft, die den dritten (und bisher letzten) EM-Titel nach Deutschland holte:
Andreas Köpke (Eintracht Frankfurt), Matthias Sammer (Borussia Dortmund), Markus Babbel (Bayern München), Thomas Helmer (Bayern München), Thomas Strunz (Bayern München), Mehmet Scholl (Bayern München; 69. Minute Oliver Bierhoff [Udinese Calcio]), Dieter Eilts (Werder Bremen; 46. Marco Bode [Werder Bremen]), Thomas Häßler (Karlsruher SC), Christian Ziege (Bayern München), Jürgen Klinsmann
(Bayern München), Stefan Kuntz (Besiktas Istanbul); Bundestrainer: Berti Vogts.
Norbert Voshaar
[Lit.: Marcel Reif: „England ´96 – Das Fußball-EM-Buch“ (1996) / 11 Freunde Spezial: „88, 92, 96 – Die besten Europameisterschaften
aller Zeiten“ (2024) / Kicker-Almanach 2022 / Wikipedia]