Folge 59 – März 2026
Vor 50 Jahren:
Meistercup Viertelfinale: Gladbach nach 1:1 bei Real ungeschlagen raus – Heillose Aufregung über die dubiosen Pfiffe von Schiedsrichter van der Kroft

Madrid, 17. März 1976: Noch herrscht Harmonie. Schiedsrichter Leonardus van der Kroft (Mitte) beobachtet den Wimpel tausch zwischen den Kapitänen Pirri (Real, links) und Berti Vogts (Gladbach, rechts).
Nachdem der amtierende bundesdeutsche Fußballmeister Borussia Mönchengladbach am 3. März 1976 sein Meistercup-Viertelfinalhinspiel im Düsseldorfer Rheinstadion gegen Real Madrid trotz einer 2:0 Pausenführung (Tore: Jensen und Wittkamp) nicht gewinnen konnte (Endstand: 2:2), steht er zwei Wochen später, am 17. März 1976, vor einer fast unlösbaren Aufgabe. Er muss in Madrid antreten und versuchen, den spanischen Meister mit den beiden deutschen „Legionären“ Günter Netzer und Paul Breitner im ausverkauften Estadio Santiago Bernabéu zu eliminieren. Breitners im Vorfeld des Spiels getätigte Aussage, die Borussia könne „in Innsbruck oder Enschede gewinnen, aber nicht in Madrid“, hatte nicht unbedingt zur Beruhigung der Stimmung beigetragen, sondern die Gladbacher eher motiviert.
Am Rückspielabend (die Partie wird erst um 21 Uhr angepfiffen) ist das ausverkaufte Stadion von Beginn an ein Hexenkessel, es geht sofort zur Sache und gleich in der ersten Viertelstunde bekommen die drei Borussen Berti Vogts, Dietmar Danner und Uli Stielike vom holländischen Schiedsrichter van der Kroft, der seit 1966 international pfeift, die die Gelbe Karte gezeigt. In der 28. Spielminute (Paul Breitner ist wegen einer Verletzung bereits ausgewechselt worden) schlägt die explosive Stimmung auf den Rängen jedoch schlagartig in Totenstille um, denn dem Gladbacher Torjäger Jupp Heynckes gelingt per Kopf die 1:0-Führung für die Borussia. Dieses Ergebnis, mit dem Real Madrid ausgeschieden wäre, hat auch zur Halbzeit noch Bestand.
Sieben Minuten nach Wiederbeginn gibt es einen umstrittenen Freistoß für Real, der von Santillana mit dem Kopf zum 1:1-Ausgleich verwertet wird. Aufgrund der damals noch geltenden Auswärtstore-Regel wäre nun Real fürs Halbfinale qualifiziert. Als in der 69. Minute Hans Klinkhammer einen langen Pass auf Henning Jensen spielt, den dieser in ein Tor für Gladbach ummünzt, wähnt sich hingegen wieder die Borussia eine Runde weiter – aber nur kurz, denn Schiedsrichter van der Kroft entscheidet auf Abseits, obwohl Linienrichter Hoppenbrouwer, der eine sehr gute Sicht auf die Szene hatte, dieses nicht angezeigt hat. Borussen-Trainer Udo Lattek ist entsprechend aufgebracht und gestikuliert empört. In der 82. Minute verlieren die Gladbacher endgültig ihren Glauben an einen gerechten Fußballgott. Diesmal erzielt Verteidiger Hans-Jürgen Wittkamp ein Tor für die Fohlen. Referee van der Kroft erkennt den Treffer offensichtlich an, denn er macht sich unmissverständlich auf den Weg zum Mittelkreis. Aber nun hat Linienrichter Hoppenbrouwer etwas einzuwenden. Er schwenkt die Fahne und teilt van der Kroft mit, dass
Torschütze Wittkamp seiner Ansicht nach vor der Torerzielung ein Handspiel begangen habe. Van der Kroft nimmt daraufhin tatsächlich seine ursprüngliche Entscheidung zurück. Die Gladbacher können ihr Pech nicht fassen, die Stimmung brodelt. Madrids Mittelfeldregisseur Günter Netzer meint anschließend zu den aberkannten Treffern: “Wir Spieler sind beide Male schon zur Mitte gelaufen, weil wir an ein Tor der
Gladbacher glaubten.“
Die verbleibenden acht Minuten können die Borussen nicht mehr zum Siegtreffer nutzen, nach 90 Minuten pfeift Schiedsrichter van der Kroft die hochemotionale Partie pünktlich ab. Das 1:1 ist für Borussia Mönchengladbach zu wenig, stattdessen erreichen die Madrilenen das Halbfinale des Landesmeistercups, weil sie ein Auswärtstor mehr erzielt haben.
Auf dem Weg in die Kabine machen die Gladbacher Spieler ihrem Unmut kräftig Luft und sagen Referee van der Kroft die Meinung, auch die Vereinsverantwortlichen verstehen die Welt nicht mehr und erkennen eine klare Bevorzugung der „Königlichen“. Die deutsche Boulevard-Presse (allen voran die BILD-Zeitung) unterstellt dem holländischen Schiedsrichter in den Tagen nach dem Spiel Betrugsabsichten und Rachegelüste gegenüber den Deutschen wegen der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs, Gladbachs Trainer Lattek vermutet einen Zusammenhang mit der 74er WM-Finalniederlage der Holländer gegen die Deutschen.
Nationalspieler Herbert „Hacki“ Wimmer, von 1966 bis 1978 bei allen großen Borussia-Erfolgen dabei und auch beim Drama von Madrid 90 Minuten im Einsatz, erinnert sich später: „Während des Spiels waren wir mindestens gleichwertig und eigentlich hätten wir gewinnen müssen. Schiedsrichter van der Kroft hat zweimal zu unserem Nachteil entschieden. Nach dem Spiel haben wir zu ihm viele böse Worte gesagt, aber
er zeigte weder Gelbe noch Rote Karten. Wahrscheinlich wusste er, dass er falsch entschieden hatte“. Borussia Mönchengladbach legt nach der Begegnung fristgerecht einen offiziellen Protest bei der UEFA gegen die Wertung des Spiels ein, wofür selbst DFB-Präsident Neuberger Verständnis zeigt (zudem beklagen die Gladbacher, dass vom spanischen Publikum während des Spiels immer wieder Gegenstände aufs Feld
geworfen worden seien, darunter eine Getränkebüchse, die Mittelfeldrenner Herbert Wimmer schwer getroffen habe). Doch die Forderung nach einer Wiederholung der Partie wird von der UEFA-Kontroll- und Disziplinarkommission abgelehnt. Die von den Borussen daraufhin eingelegte Berufung wird ebenfalls abgeschmettert. Einzige Konsequenz des Ganzen: Real muss wegen des Werfens von Gegenständen aufs Spielfeld durch die Zuschauer 5.000 Schweizer Franken Strafe zahlen.
Im Halbfinale trifft Real Madrid zwei Wochen später übrigens auf Cup-Verteidiger Bayern München. Beim Hinspiel in Madrid (Ergebnis: 1:1 / Rückspiel in München: 2:0 für die Bayern) ereignet sich erneut Skandalöses, als direkt nach dem Abfiff zunächst Bayern-Torschütze Gerd Müller und dann Schiedsrichter Erich Linemayr von einem aufs Feld gelaufenen Real-Fan niedergeschlagen werden, ehe der Münchner Torhüter Sepp Maier den Mann stoppt. Die UEFA-Gremien entscheiden anschließend zunächst, Real aufgrund dieser Vorfälle von der weiteren Teilnahme am Europacup auszuschließen, ziehen wenig später aber ihre Entscheidung zurück und begnadigen die Madrilenen.
Leonardus van der Kroft, der ursprünglich im Juli 1976 beim Olympischen Fußballturnier in Montreal pfeifen sollte, wird aufgrund seiner schwachen Leistung von Madrid doch nicht für Olympia nominiert und beendet seine aktive Schiedsrichter-Karriere. Er ist später aber noch als Funktionär beim niederländischen Fußballverband, bei der UEFA und bei der FIFA tätig. Noch jahrelang wird er immer wieder auf jene dramatische Begegnung vom März `76 angesprochen, ist sich jedoch keiner Schuld bewusst. 2016 stirbt er nach kurzer Krankheit.
Die Mannschaftsaufstellungen vom 17. März 1976:
Mönchengladbach: Wolfgang Kleff, Berti Vogts, Hans Klinkhammer, Hans-Jürgen Wittkamp, Uli Stielike, Rainer Bonhof, Dietmar Danner (76. Winfried Hannes), Herbert Wimmer, Allan Simonsen, Henning Jensen, Jupp Heynckes; Trainer: Udo Lattek.
Real Madrid: Miguel Angel, Benito, Pirri, Sol, Camacho, Paul Breitner (15. Vitoria), Manuel Velazquez, Günter Netzer, Amancio (77. Vincente del Bosque), Santilliana, Roberto Martinez; Trainer: Miljan Miljanic
Norbert Voshaar
[Lit.: Tom Bender und Ulrich Kühne-Hellmessen: „Verrückter Europacup“ (1999) / Karl-Heinz Huba und Gerhard Pietsch: „Bild Jahrbuch des Fußballs 1975/1976“ (1976) / https://www.spiegel.de/sport/fussball/drama-in-madrid-gladbachs-gestohlenes-wunder-a-375603.html / Wikipedia]