Folge 58 – Februar 2026
Vor 180 Jahren:
Konrad Koch, einer der wichtigsten deutschen Fußballpioniere geboren
Konrad Koch wurde am 13. Februar 1846, also vor nunmehr 180 Jahren, in der Stadt Braunschweig geboren, die seinerzeit Mittelpunkt des gleichnamigen Herzogtums war. Nach seiner Schulzeit und dem anschließenden Studium von Theologie und Phlilologie kehrte Koch 1868 als Dr. phil. an seine Braunschweiger Schule, das traditionsreiche Gymnasium Martino Catharineum, zurück, um dort – wie schon sein Vater – als Lehrer zu arbeiten. Er unterrichtete die Fächer Alte Sprachen und Deutsch. Darüber hinaus maß er der Körperertüchtigung seiner Schüler durch Sport und Spiele an der frischen Luft eine überaus große Bedeutung bei, was seinerzeit in Deutschland, wo das Turnen mehr oder weniger die einzige allgemein gebilligte Art der Leibesübungen war, etwas ganz Neues war. Eine Rolle dürfte dabei gespielt haben, dass sich Koch während seines Studiums eingehend mit den Lehren des Pädagogen Thomas Arnold beschäftigt hatte, der von 1828 bis 1841 die berühmte Public School im englischen Ort Rugby geleitet hatte (der Stadt, der die Sportart Rugby ihren Namen zu verdanken hat). Arnold, der Sport und Spiele in seiner Public School in Rugby stark gefördert hatte, war für Koch ein pädagogisches Vorbild, das er einmal sogar als „Genie der Erziehungskunst“ bezeichnete. In Anlehnung an die Arnoldschen Ideen initiierte Konrad Koch 1872 gemeinsam mit seinem Lehrerkollegen Hermann Corvinius zur
Ergänzung des Turnunterrichtes sogenannte „Schulspiele“ am Martino-Catharineum (zunächst war die Teilnahme freiwillig, später verpflichtend). 1874 führte er im Rahmen dieser Schulspiele für die Wintermonate auch das in Deutschland noch kaum bekannte Fußballspiel ein. Koch, der die Ansicht vertrat, das moderne Leben in von Industrie und Handel geprägten Großstädten habe einen negativen Einfluss auf die
körperliche (und auch auf die mentale) Gesundheit der Jugend, sagte einmal: „Beim Fußball findet unsere deutsche, des frischen Spiels im Freien entwöhnte Jugend am schnellsten und leichtesten ihre verlorene Spiellust wieder.“ Außerdem war er der Meinung, das Fußballspiel böte den
Jugendlichen (neben der Möglichkeit, sich in regulierter Weise auszutoben) auch die Gelegenheit, Charaktereigenschaften wie Willenskraft, Selbstbeherrschung, Disziplin und Mannschaftsgeist zu trainieren und zu stärken. Wertvolle Unterstützung erhielt Konrad Koch bei der Einführung des Fußballs von seinem Schwiegervater, dem Arzt Dr. Friedrich Reck, sowie vom Turnlehrer August Hermann. Hermann gelang es, aus England, wo der Fußballsport bereits seit Jahren sehr beliebt war und organisiert betrieben wurde, einen echten Original-Fußball zu besorgen. Am 29. September 1874 kam dieser Ball erstmals zum Einsatz, als Koch und Hermann ihn zwischen die auf einer Wiese bei der Sankt
Leonhard-Kapelle versammelten Schüler warfen und diese munter drauflos spielen ließen, nachdem sie ihnen zuvor kurz die Regeln erklärt hatten. Die Schüler (dem Zeitgeist entsprechend ausschließlich Jungen) waren sofort mit großem Eifer dabei, so dass Koch nun regelmäßige Übungsnachmittage ansetzte, wobei zunächst noch eine dem Rugby ähnliche Variante des Fußballs gespielt wurde, bei der das Stoppen und kurze Aufnehmen des Balles mit der Hand erlaubt war. Als Schiedsrichter fungierten damals die Mannschaftsführer, die „Fußballkaiser“ genannt wurden, die Tore hießen noch „Male“, die Torlinien dementsprechend „Mallinien“. 1875 gründete Konrad Koch mit seinen Schülern einen Verein und verfasste die ersten deutschen Fußballregeln, die als gedrucktes Regelwerk (Titel: „Fußball. Regeln des Fußball-Vereins der mittleren
Klassen des Martino-Catharineums zu Braunschweig“) erschienen. Dass darin auf der ersten Seite in einem Lorbeerkranz die sich zu einem Kreuz vereinigenden vier F’s, die für das Turnvater-Jahn-Motto „Frisch Fromm-Fröhlich-Frei“ standen, zu sehen waren, war wahrscheinlich eine Reverenz an die damals sehr einflussreiche deutsche Turnbewegung, mit der sich Koch gut stellen wollte. Anfangs gab es nämlich unter den zumeist äußerst konservativen Turnfunktionären viele Kritiker des Sports im Allgemeinen und des Fußballsports im Besonderen. Nicht wenige von ihnen sahen den Sport als eine aus England eingeführte, „undeutsche“ Mode („Engländerei“) an, die zu einer Konkurrenz für das Turnen zu werden drohte und deren Wert höchst zweifelhaft war. Karl Planck, Professor und Turnlehrer an einem Stuttgarter Gymnasium, verfasste damals sogar eine Anti-Fußball-Fibel mit dem Titel „Fußlümmelei. Über Stauchballspiel und englische Krankheit“, worin er sich u. a. über das beim Fußball so wichtige Treten des Balles mit dem Fuß lustig machte. Er schrieb: „Was bedeutet aber der Fußtritt in aller Welt? Doch wohl, dass der Gegenstand, die Person, nicht wert sei, daß man auch nur die Hand um ihretwillen rührte. Er ist ein Zeichen der Wegwerfung, der Geringschätzung, der Verachtung, des Ekels, des Abscheus“, und ergänzte, das Spiel habe „etwas Lümmelhaftes und Gemeines an sich“. Plancks Geringschätzung für den (aus seiner Sicht auch äußerst gefährlichen) Fußballsport gipfelte in folgender Aussage: „Unsereiner erlaubt sich also nicht nur, diese Errungenschaft englischen Aftersports, sondern auch das Fußballspiel selbst, nicht nur gemein, sondern lächerlich, hässlich und widernatürlich zu finden“. Von Braunschweig aus verbreitete sich der Fußballsport jedoch trotz solcher Einwände von Turnerseite in rasantem Tempo. 1894 setzte sich endgültig die Variante ohne Gebrauch der Hände (genannt „Fußball ohne Aufnehmen“ bzw. „Einfacher Fußball“) durch. Im selben Jahr veröffentlichte Konrad Koch, der mittlerweile zum Professor ernannt worden war, als erster eine historische Abhandlung über die Entwicklung des Fußballs (Titel:„Die Geschichte des Fußballs im Altertum und in der Neuzeit“) und konstatierte: „Die Frage, ob Fußball in Deutschland eingeführt werden soll oder nicht, bedarf keiner Erörterung mehr, sie ist durch die Macht der Tatsachen entschieden.“ Zu Kochs Zeiten war der Fußballsport eindeutig eine Domäne des gebildeten Bürgertums, denn in den Fußballvereinen dominierten Gymnasiasten und Studenten. Erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs schaffte der Fußball den Sprung zum Arbeiter- und damit zum Massensport. Konrad Koch erlebte dieses allerdings nicht mehr mit, denn er starb am 13. April 1911 im Alter von 65 Jahren. 40 dieser 65 Jahre hatte er sich mit ganzer Kraft der Verbreitung und Weiterentwicklung des Fußballsports in Deutschland verschrieben. 2011, hundert Jahre nach seinem Tod, würdigte die Stadt Braunschweig den Pionier, indem sie das Hauptspielfeld der Bezirkssportanlage Franzsches Feld in „Konrad-Koch-Stadion“ umbenannte. 2011 erschien auch der Kinofilm „Der ganz große Traum“ (Untertitel: „Wie der Lehrer Konrad Koch den Fußball nach Deutschland brachte“), in dem Daniel Brühl die Rolle des Konrad Koch spielte.
Norbert Voshaar [Lit.: Konrad Koch: „Fußball. Regeln des Fußball-Vereins der mittleren Classen des Martino-Catharineums zu Braunschweig“ (1875) / Konrad Koch: „Die Geschichte des Fußballs im Altertum und in der Neuzeit“ (1894/95) / Karl Planck: „Fußlümmelei. Über Stauchball-spiel und englische Krankheit“ (1898) / Konrad Koch: „Die Erziehung zum Mute durch Turnen, Spiel und Sport“ (1900) / Wilhelm Hopf: „Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?“ (in: Wilhelm Hopf: „Fussball – Soziologie und Sozialgeschichte einer popu- lären Sportart“, 1979) / Kurt Hoffmeister: „Ein Braunschweiger Lehrer als Begründer der Schulspiele in Deutschland“ (1986) / Norbert Voshaar: „Die Entwicklung des Fußballsports und seiner Bedeutung für Spieler und Zuschauer – Eine sozialwissenschaftliche Analyse“ (1989, Uni Münster) / Susanne Nickel u. Andreas Schlebach: „Braunschweig: Die heimliche Hauptstadt des runden Leders“ (https://www.ndr.de/geschichte/schau- plaetze/Braunschweig-Die-heimliche-Hauptstadt-des runden-Leders,koch148.html., 29.09.2024) / Wikipedia]