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Folge 60 – April 2026

Old Soccer ball on the green grass, top view

Folge 60 – April 2026

Vor 40 Jahren:

33. Bundesligaspieltag 1985/86: Bei Sieg über die Bayern wäre Werder Meister, aber Kutzop verschießt 2 Minuten vor Schluss beim Stand von 0:0 einen Elfmeter!

 

Vor nunmehr 40 Jahren, am 22. April 1986, eröffnet sich dem SV Werder Bremen nach 21 Jahren die riesengroße Chance, endlich wieder einmal Deutscher Meister zu werden. Als Tabellenführer mit 48:16 Punkten (es gilt damals noch die 2-Punkte-Wertung) treffen die Norddeutschen am vorletzten Spieltag der Saison 85/86 auf ihren direkten Verfolger Bayern München, der 46:18 Punkte aufweist. Ein Sieg würde die vorzeitige Meisterschaftentscheidung zugunsten von Werder bedeuten, denn der dann vier Punkte betragende Vorsprung wäre am 34. und letzten Spieltag von den Bayern nicht mehr aufzuholen.

Erhebliche zusätzliche Brisanz erhält die Begegnung durch die unschönen Vorkommnisse aus dem Münchner Hinspiel vom November 1985. Schon dieses Spiel, das die Bayern letztlich mit 3:1 gewannen (Tore: Norbert Nachtweih und Dieter Hoeneß [2] für den FCB, Thomas Schaaf für Werder), war eine heißumkämpfte und knüppelharte Partie gewesen, in der der Münchner Kapitän Klaus Augenthaler den in Richtung Bayern-Tor stürmenden Werder-Angreifer Rudi Völler in der 27. Minute so übel verletzte, dass dieser 5 Monate ausfiel. Für Augenthaler, der für sein überhartes Foul keine rote Karte sah, wurden die Bayern-Auswärtsspiele in der Zeit danach zu einem einzigen Spießrutenlauf, denn in fast allen
Bundesligastadien wurde er ausgepfiffen und beleidigt, auch Morddrohungen von aufgebrachten Werder Fans erhielt er.

Ausgerechnet im Rückspiel geht nun Rudi Völlers lange Leidenszeit endlich zu Ende: Er wird in der 77. Minute beim Stand von 0:0 erstmals seit dem Hinspiel wieder eingewechselt und mischt elf Minuten später bei der wichtigsten Szene der Partie kräftig mit, als er Bayerns Dänen Sören Lerby knapp hinter der Münchner Strafraumgrenze den Ball vermeintlich an die Hand spielt. So sieht es jedenfalls Schiedsrichter Volker Roth, der einen mehr als zweifelhaften Handelfmeter für Werder gibt.

 

Michael Kutzops Elfmeter geht an den Pfosten, die Meisterschaftsentscheidung ist damit vertagt (Foto t-online)

 

Die Münchner – allen voran natürlich Sören Lerby – sind entsetzt und protestieren heftig, auf dem Rasen und am Spielfeldrand spielen sich tumultartige Szenen ab. Es dauert minutenlang, bis es endlich zur Ausführung des Strafstoßes kommt. Darüber, wer den Elfmeter, der die Meisterschaft vorzeitig zu Werders Gunsten entscheiden kann, schießen wird, gibt es keinerlei Diskussionen. Der unumstrittene Bremer Mann für solche Fälle ist Innenverteidiger Michael Kutzop. Er ist Werders Elfmeterschütze vom Dienst und hat bis zu diesem Tag alle seine Bundesliga-Elfer verwandelt.

Doch an diesem Dienstagabend (die Begegnung beginnt erst um 20 Uhr und wird als erstes Bundesligaspiel überhaupt live auf einem Privatsender [Sat.1] übertragen) endet Michael Kutzops Unfehlbarkeitsnimbus. Sein Schuss auf das Bayern-Tor, in dem sich Jean-Marie Pfaff nach langem Zögern in die linke Ecke wirft, klatscht an den rechten Pfosten. Nun ist das Entsetzen auf Bremer Seite groß, die 40.800 Zuschauer sind
geschockt. Die Partie, in der der SV Werder 60 Minuten spielbestimmend war, jedoch immer wieder am überragenden Jean-Marie Pfaff scheiterte, endet 0:0. Die Hanseaten haben damit die Chance auf den vorzeitigen Gewinn der ersten Meisterschaft seit 1965 ungenutzt verstreichen lassen. Die Meisterschaftsentscheidung ist vertagt auf den 34. Spieltag.

An diesem letzten Spieltag muss Werder (49:17 Punkte, Tordifferenz: + 43) zum VfB Stuttgart reisen, der FC Bayern (47:19 Punkte, Tordifferenz: + 45) empfängt Borussia Mönchengladbach. Die Ausgangslage ist für die Bremer also immer noch recht vielversprechend, denn schon ein Remis würde ihnen zur Meisterschaft reichen. Doch während die Bayern ihre Hausaufgaben mit Bravour erledigen (sie schlagen Gladbach hoch mit 6:0) versagen den Werderanern in Stuttgart die Nerven. Sie unterliegen mit 1:2 und müssen den Münchnern damit doch noch die Meisterschale überlassen, denn bei nunmehriger Punktgleichheit (jeweils 49:19) entscheidet die Tordifferenz am Ende für die Bayern (sie weisen eine Tordifferenz von + 51 auf, Werder steht bei + 42).

Die Mannschaftsaufstellungen vom 22. April 1986:

Werder Bremen:
Dieter Burdenski, Bruno Pezzey, Thomas Schaaf, Michael Kutzop, Jonny Otten, Thomas Wolter, Mirko Votava, Norbert Meier (ab 77. Minute Rudi Völler), Yasuhiko Okudera, Frank Neubarth, Manfred Burgsmüller; Trainer: Otto Rehhagel.

Bayern München:
Jean-Marie Pfaff, Klaus Augenthaler, Norbert Nachtweih, Norbert Eder, Hans Pflügler, Lothar Matthäus, Sören Lerby, Reinhold Mathy, Roland Wohlfarth, Dieter Hoeneß, Michael Rummenigge; Trainer: Udo Lattek.

Norbert Voshaar
[Lit.: Kicker vom 24.4.1986 / Raphael Keppel: „25 Jahre Fußball-Bundesliga“ (1988) / Kicker-Spezial: „30 Jahre Bundesliga“ (1993) /
Wikipedia]